Letzten Sonntag folgten 800 Menschen dem Aufruf des FLINTA* Kollektiv Ulm zu einer Demonstration am weltweiten feministischen Kampftag. Das war die größte feministische Demonstration in Ulm und Neu-Ulm seit Jahren!

Das Motto der Demo lautete “Feminismus heißt Antifaschismus”, gewählt explizit auch mit Blick auf die am gleichen Tag stattfindende Landtagswahl in Baden-Württemberg.
In den Redebeiträgen ging es daher auch um den gesellschaftlichen Rechtsruck, AfD und die CDU – lokal wie in Baden-Württemberg.
Wir haben uns an der Demonstration sowohl mit einer Laufgruppe als auch einem Free Maja-Bannerdrop am Rande der Demo beteiligt.

Hier drunter findet ihr die Redebeiträge zum nachlesen, Fotos von der Demo und eine genaue Schätzung zur Demo Größe.
Redebeitrag von AKKU
Die Gesellschaft rückt nach rechts – autoritäre und rückschrittige Stimmen werden täglich lauter und stärker. Dazu gehört auch Antifeminismus, der in weiten Teilen des Diskurses zunimmt. Rechte, die sich feministische und queere Bewegungen hart erkämpft haben, wie zum Beispiel die Straffreiheit bei Abtreibungen oder das Selbstbestimmungsgesetz werden von vielen Seiten in Frage gestellt.
Vor allem von extremen Rechten, Konservativen und Christlich-Fundamentalen. Antifeminismus ist der Kleber, der sie über sonstige inhaltliche Differenzen hinaus zusammenhält.
Der Antifeminismus zeigt sich besonders beim so genannten jährlich stattfindenden “Marsch für’s Leben”, dem jährlichen Schaulaufen der Abtreibungsgegner*innen in München. Hier laufen selbsternannte christliche Lebenskämpfer*innen neben AfD- sowie CDU-Abgeordneten und Neonazis.
Viele Feminist*innen und Antifaschist*innen schließen sich jedes Jahr zusammen, um sich für Pro Choice und gegen den “Marsch fürs Leben” zu stellen.
Auch aus Ulm werden sich Menschen zusammentun, nach München fahren und sich den Gegenprotesten anschließen.
Wir rufen dazu auf, kommt am 18.04. mit nach München.
Aber auch hier in der Region ist der Kampf gegen die Autonomie von FLINTA* Personen das Thema, auf das sich die lokale Rechte bis extrem Rechte einigen kann. Fangen wir bei einer Person an, die gute Chancen hat, unser nächster Ministerpräsident zu werden.
Manuel Hagel stand seid kurzem wegen sexualisierenden Äußerungen über eine mutmaßlich minderjährige Realschülerin in der Kritik. Weniger thematisiert werden Hagels Beziehungen zu rechts-christlichen Fundamentalist*innen. So trat Hagel letztes Jahr beim Kongress Christlicher Führungskräfte vom rechts-christlich-evangelikalen Idea Magazin auf. Dieses Magazin wurde der Evangelischen Kirche in Deutschland bereit vor Jahren zu rechts, sodass ihnen die Mittel gekürzt wurden.
Geht man in der Parteilandschaft weiter nach rechts, so findet man auch hier in Ulm direkt weitere Beispiele für Antifeminismus.
So sagte beispielsweise der Ulmer AfD-Landtagskandidat und Gemeinderat Daniel Rottmann, ihn habe eine “Unterschriftensammlung zum Thema Lebensrecht Ungeborener” politisiert. Sein Gegenstück im Gemeinderat, der ehemalige Sprecher der IB Schwaben Nicolas Brickenstein, fällt wiederum hauptsächlich durch versuchte Störaktionen gegen queere und feministische Demonstrationen auf. So störte er 2024 den CSD Ulm durch das Verteilen massivst queer- und menschenfeindlicher Flyer und 2021 die Demonstration zum feministischen Kampftag in Ulm gemeinsam mit dem Neonazi Maximilian Förster.
Extrem rechte Bewegungen sind überwiegend männlich und patriarchal, daher ist ihnen emanzipatorischer Feminismus ein Dorn im Auge. “Frauenrechte” spielen für die extreme Rechte nur dann eine Rolle, sobald sie damit gegen andere Bevölkerungsgruppen hetzen und Frauen für Ihren Kampf gegen Migrant*innen instrumentalisieren können.
Auch funktioniert Feminismus extrem gut als Feindbild. Die Enttäuschungen und die Vereinsamung, die Menschen in der kapitalistischen Gesellschaft erleben, werden auf ein Anspruchsdenken auf Beziehungen und Sex reduziert. Es geht dann nicht, wenn die Frauen nicht mitspielen wollen, wenn sie vom komodifizierbaren Objekt der Begierde zu politisch aktiven, befreiten Subjekten werden wollen.
Dies zeigt sich unter anderem an der unfassbaren internationalen Popularität, der sich antifeministische Influenzer wie Andrew Tate oder Nick Fuentes erfreuen. Der Antifeminismus ist so auch häufig Einstiegspunkt gerade junger Menschen in extrem rechte Ideologie.
Ein konsequenter Antifaschismus richtet sich daher immer auch gegen patriarchale Herrschaft.
Für uns ist also klar: Feminismus heißt Antifaschismus, und Antifaschismus heißt Feminismus!
Redebeitrag vom FLINTA* Kollektiv
Heute ist kein Tag für Blumen und Pralinen. Eure Rosen wollen wir nicht. Heute ist nicht Weltfrauentag. Heute ist feministischer Kampftag. Denn es genügt bei Weitem nicht, einfach nur für Frauen zu sein. Frauen auf Spitzenpositionen zu setzen und dann zu denken: Passt, wir haben alles erreicht.
Auch wenn Alice Schwarzer das anders sieht: Eine Kanzlerin Alice Weidel ist kein feministischer Erfolg. Auch keine Regierungschefin Giorgia Meloni. Oder eine Ursula von der Leyen. Im Gegenteil. Gerade diese politischen Gestalten verkörpern: Es gibt keinen Feminismus ohne Antifaschismus.
Auch wenn es bei rechten Gruppen vordergründig um andere Themen geht, Nationalismus, Klima, Migration: Wer rechte Parteien wählt, der wählt Frauenfeindlichkeit, Queerfeindlichkeit, ein verengtes Familienbild. Der Sozialabbau rechter Parteien bedeutet für Frauen und Flinta* ein höheres Risiko an Gewalt, sie müssen mehr Care-Arbeit leisten und kompensieren diese Einschränkungen mit dem Verlust ihrer Selbstbestimmung und Freiheiten.
Antifeminismus ist ein Kitt der rechte Politiken zusammenhält. Im Hass auf uns vereinen sich Evangelikale, Neonazis, russische Oligarchen, Incels, Anhänger des libertären Autoritarismus wie Elon Musk oder Akteure eines völkischen Nationalismus wie ein Franz Schmid in Neu-Ulm oder Daniel Rottman in Ulm. Die heute beide auf Wahlzetteln stehen.
Wenn wir feministisch kämpfen, müssen wir auch gegen rechte Politiken kämpfen. Die feministische Bewegung muss der antifaschistischen die Hand reichen. Denn was sonst können wir der Macht der Rechten entgegensetzen? Wer, wenn nicht wir Feminist*innen, Flinta*, Queers wissen, wie wir Gemeinschaften bilden, Schutzräume bauen, Bündnisse schmieden?
Und heute können wir zwei Stimmen auf einem Wahlzettel gegen Rechts setzen. Gegen sexualisierte Sprache.
Wenn Manuel Hagel, Landtagskandidat vor der Haustür und im Zweifel nächster Ministerpräsident von BaWü vor acht Jahren objektifiziert und sexualisiert über Mädchen spricht, dann ist das mehr als nur „Mist“. Dass er seine Frau dafür braucht, um das zu erkennen, ist nur erbärmlich.
Was bei ihm ein chauvinistischer, ekliger Kommentar bleibt, ist im System Epstein organisiertes Verbrechen: Vergewaltigung, Zwangsprostitution und Menschenhandel mit Mädchen und jungen Frauen. Über tausend Betroffene. Die Aufarbeitung missachtet jeglichen Schutz der Missbrauchten. Die Namen von 18 Überlebenden sind öffentlich, ihre Aussagen aber geschwärzt. Wann, wenn überhaupt, wird endlich aus der Perspektive der Opfer gehandelt?
Auch wenn das Level an Gewalt, die Ausdrucksform, in der Sprache oder physisch, noch so unterschiedlich sein mag, ist die Logik die gleiche: Männer beschränken Mädchen, Frauen, Flinta* auf Objekte ihrer Begierde, machen aus Subjekten Objekte und erheben auf sie Besitzanspruch.
Gegen dieses Denken, Sprechen, Handeln kämpfen wir. Für unsere Leben. Nicht noch eine weniger. Ni una menos.
Denn während im letzten Jahr in BaWü die Zahl der Straftaten gesunken ist, weniger Messerangriffe verübt wurden, gab es ein neues Zehnjahreshoch bei partnerschaftlicher Gewalt: Allein in BaWü wurden 17.400 partnerschaftliche Gewalttaten angezeigt. Dabei wird nur einer von zehn Fällen überhaupt zur Anzeige gebracht. Die Dunkelziffer ist riesig. 80 Prozent der Opfer sind weiblich – und fast 80 Prozent der Tatverdächtigen Männer.
Wenn man uns, Flinta* schützen will, dann brauchen wir keine mobile Wache auf dem Münsterplatz und erst recht keine privatisierten Security-Männer von Mario Schneider, mehrheitlich bezahlt mit öffentlichen Geldern. Wir brauchen mehr Plätze in Frauenhäusern, bezahlbaren Wohnraum, bezahlte Care-Arbeit, die finanzielle Unabhängigkeit garantiert. Und vor allem brauchen wir weniger stalkende, vergewaltigende und mordende Männer. Wir müssen das Patriarchat, den Frauenhass, der all dem zugrunde liegt, bekämpfen.
Egal ob ein Mann am Großglockner seine Freundin zurück- und sterben lässt, auf Social Media Pick-Up-Artists und Dating-Coachs Geld mit patriarchaler Männlichkeit verdienen oder bei Olympia-Athletinnen lieber mal der Beziehungsstatus als die sportliche Leistung kommentiert wird. Dahinter steht in unterschiedlicher Ausprägung Misogynie, Frauenhass.
Diese Themen und diese Zusammenhänge sind nicht neu.
Die Welt ist stark von patriarchalen Strukturen durchzogen und genauso von faschistischem Gedankengut durchsetzt. Feministische Errungenschaften werden unter autoritärer Politik als Erstes zunichtegemacht, verhindert oder zerstört.
So wie Trump oder die polnische PiS in den USA misogyne Abtreibungspolitik betreiben, Orbán in Ungarn queerfeindlich regiert, in Deutschland die Abschaffung des Abtreibungsparagrafen 218 verhindert wird oder die misogyne Gewalt der iranischen Mullahs, die völlige Entrechtung von Frauen unter den Taliban oder der gezielte Einsatz sexualisierter Gewalt als Kriegswaffe im Sudan.
Dass autoritäre Systeme keinen Platz für Frauen lassen, sah schon Clara Zetkin, eine der bedeutendsten Kämpferinnen der proletarischen Frauenbewegung in Deutschland und Europa. Im Jahr 1932, als der neue Reichstag gewählt wurde und die NSDAP stärkste Kraft wurde, hatte sie als älteste Abgeordnete mit 75 Jahren, damals schwer krank und fast erblindet, das Recht, den Reichstag zu eröffnen. Ihre Rede vor einem Plenarsaal voller SS- und SA-Uniformen war ein flammender Aufruf zur Einheitsfront aller Werktätigen gegen den Faschismus.
Nachdem Clara Zetkin Wochen später in die Nähe von Moskau zurückgekehrt war, beobachtete sie höchst besorgt die folgenden Ereignisse in Deutschland. Nach der Brandstiftung des Reichstags am 27. Februar 1933 richtete sie als Leiterin der Internationalen Roten Hilfe einen letzten Aufruf an die Öffentlichkeit:

»Wir alle dürfen nicht rasten und ruhen, bis der Faschismus, der blutige Unterdrückung, Terror, Hunger und Krieg im Gefolge hat, zerschmettert am Boden liegen wird.« – Clara Zetkin
Diese Worte waren ihr letzter Aufruf an die Öffentlichkeit, aber ein Bündnis gegen die Nationalsozialisten blieb leider aus. Ihre Worte sollen Mahnung sein, an diesem 8. März und an jedem Tag. Feminismus bedeutet Antifaschismus.
Eindrücke von der Demo
08.03.2026
“Feminismus heißt Antifaschismus”
Demonstration in Ulm
organisiert vom
FLINTA* Kollektiv Ulm































Wie groß war die Demo?
Verlässliche Zahlen von Massen sind schwierig. Das Spiel bei Demos ist häufig das gleiche, die Polizei sagt eine meistens eher niedrige Zahl, die Orga sagt dann eine eher optimistische Zahl. Die Presse druckt wenn überhaupt meistens das von der Polizei ab. In diesem Fall waren das 500 Menschen auf der 08.-März-Demo -zumindest laut Team Blaulicht und damit auch (copy, paste and forget sei Dank)so in der Südwestpresse.
Wir haben am Abend nach der Demo 700 Menschen als erste Zahl genannt – das war einfach unser Eindruck und Gefühl der Menge.
Jetzt haben wir Fotos ausgewertet und können die Länge des Demozuges sehr genau bestimmen: Als der Demo-Anfang kurz vor Ende der Herdbrücke war, standen Leute noch auf der Donaustraße Ecke Schelergasse.

Diese Fläche haben wir in das Tool mapchecking.com geworfen und rausgekommen ist: Mit 1 Person pro Quadratmeter sind wir bei 621 und mit 1,5 bei 932 Menschen auf der Fläche von knapp unter ~620 Quadratmetern.


Eine Darstellung, wie so eine Menge mit 1 oder 1,5 Personen pro Quadratmeter aussieht, findet ihr hier.
Unser Fazit: Wir sind uns sehr sicher, dass die gesamte Anzahl an beteiligten Menschen bei der Demo bei circa 800 Menschen liegt.
